Das „Prinzip des Guten Grundes“ – Grundhaltung für eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft

Heute möchte ich Euch, wie bereits in einem anderen Beitrag angekündigt, das sog. „Prinzip des Guten Grundes“ näher erläutern.

Von der Traumapädagogik zur Zusammenarbeit mit Eltern

Erstmalig begegnet bin ich diesem Prinzip in den von mir besuchten Weiterbildungen über Traumapädagogik. Und ich finde es auch auf die Zusammenarbeit mit Eltern gut anwendbar, um deren Denken, Fühlen und Handeln besser nachvollziehen zu können.

Das „Prinzip des Guten Grundes“ geht von der Annahme aus, dass eine Person im Laufe ihres Lebens Verhaltensstrategien entwickelt, um mit belastenden Situationen und Herausforderungen umgehen zu können. Diese Verhaltensstrategien sind auf die individuellen Erlebnisse, Erfahrungen und Sozialisierungen dieser einzelnen Person zurück zu führen. Die daraus resultierenden Verhaltensweisen können, wenn sie nicht auf diesem lebensgeschichtlichen Hintergrund des Gegenübers verstanden werden, zu großen Irritationen und Unverständnis Eurerseits führen.

Es bedarf der Bereitschaft, davon auszugehen, dass das Gegenüber aus seiner Sicht immer gute Gründe für sein Fühlen, Denken und Handeln hat. Dieser Zugang kann Euch helfen den Eltern mit mehr Verständnis zu begegnen. Im Allgemeinen trägt diese Grundhaltung oftmals zu einer großen Entlastung in der Zusammenarbeit bei.

In meinen Elternberatungen fällt es vielen Eltern durch diese Grundhaltung häufig leichter sich zu öffnen. Sie merken, dass ich Ihr Verhalten nicht bewerte, sondern mich erst einmal in ihre Situation einfühle. Ich gestehe Ihnen zu, dass ihr Handeln aus besten Wissen und Gewissen heraus geschieht. Viele fühlen sich so verstanden und öffnen sich dann im weiteren Gesprächsverlauf für andere Blickwinkel und Handlungsmöglichkeiten.

Die Weil-Frage kommt zum Einsatz

Wie nähere ich mich in meinem Beratungsalltag am Einfachsten den guten Gründen meines Gegenübers? Dafür betrachte ich den Einzelfall unter dem Blickwinkel der sog. „Weil-Frage“. Ich hole mir für einen Moment das Verhalten der Person vor Augen und stelle mir dann die Frage: „Diese Person verhält sich so, weil…“

Dann vervollständige ich diesen Satz im Brainstorming durch unterschiedlichste Hypothesen (Vermutungen). Anschließend prüfe ich meine Aufstellung, um zu entscheiden, womit ich im direkten Kontakt mit meinem Gegenüber weiterarbeiten kann.

Besonders effektiv und vielseitig wird diese Aufstellung von Hypothesen, wenn ich dieses Brainstorming im Austausch mit Kolleg*innen durchführe.

Ich arbeite mit der „Weil-Frage“ oftmals auch in Seminaren, wo sich die Teilnehmer*innen nicht kennen und somit ihnen auch die in einer Fallbesprechung vorgestellten Personen unbekannt sind. Die verwertbaren Ergebnisse aus der gemeinsamen Hypothesensammlung zu dieser „Weil-Frage“ sind immer wieder sehr beeindruckend.

Ein Beispiel aus der Praxis

Während der Eingewöhnungszeit fiel es einer Mutter sehr schwer, von der Seite ihres Sohnes zu weichen. Sobald er drohte irgendwo anzustoßen, sich weh zu tun oder hinzufallen, war sie jeweils einen Schritt voraus, um ihn zu schützen. Diese Mutter bekam sehr schnell den Stempel einer Helikoptermutter und die Eingewöhnung verlief schleppend und schwierig über Wochen hinweg. Die pädagogischen Fachkräfte waren mit Ihrem Latein am Ende und baten die Mutter zu mir in die Beratung zu gehen.

Daraufhin prüfte ich für mich das Verhalten der Mutter mit der „Weil-Frage“ und kam zu verschiedensten Antworten.

Die Mutter tut das, weil sie …

  • Angst um ihren Sohn hat
  • sich verantwortlich für sein Wohlergehen fühlt
  • gut für ihn sorgen möchte
  • eine gute Mutter sein möchte
  • ihre Rolle besonders gut ausfüllen möchte
  • keine Fehler machen möchte
  • unter Druck steht

In einem anschließenden Gespräch mit der Mutter entschied ich mich dafür, erst einmal heraus zustellen, dass ich das Gefühl habe, sie wolle ihre Aufgabe als Mutter besonders gut ausfüllen. Ergänzend äußerte ich die Vermutung, dass sie sich sehr verantwortlich für das Wohlergehen ihres Sohnes fühle. Dies führe aus meiner Sicht dazu, dass sie den pädagogischen Fachkräften kaum Möglichkeit gebe, sich dem Sohn zu nähern und eine Beziehung zu ihm aufbauen zu können. In dem sich anschließenden Gespräch erfuhr ich daraufhin viel über die schwierige Geburt des Sohnes. Sie öffnete sich und konnte ihre Angst und Sorge als hemmend für die Entwicklung ihres Sohnes erkennen. Daran anknüpfend erarbeitete sie sich schrittweise Verhaltensveränderungen im Dialog mit mir und den pädagogischen Fachkräften. Während des Prozesses verfiel sie trotzdem immer wieder in alte Muster. Den Kolleginnen fiel es in solchen Situationen aufgrund des „Prinzips des Guten Grundes“ zunehmend leichter, das Verhalten der Mutter anzunehmen. Die vertrauensvolle Beziehung zwischen Mutter und pädagogischen Fachkräften konnte sich daraufhin entwickeln. Dies trug grundlegend dazu bei, dass die Mutter sich daraufhin zunehmend zurückziehen konnte und wusste, dass es ihrem Sohn in der Kita gut geht.

Übung macht den Meister

Abschließend möchte ich Euch einladen, dieses „Prinzip des Guten Grundes“ auf Eure pädagogische Arbeit mit Euren Eltern anzuwenden. Wo begegnet Ihr in Eurer Praxis irritierenden Verhaltensweisen, die Ihr nur schwerlich nachvollziehen könnt? Versucht Euch mit der „Weil-Frage“ einem anderen Verständnis für diese Verhaltensweisen zu nähern. Geht hierzu in Austausch mit euren Teamkolleg*innen. Um so häufiger Ihr die „Weil-Frage“ anwendet, detso mehr Übung werdet Ihr darin bekommen, Hypothesen zu entwickeln.

Viel Spaß beim Ausprobieren

Eure Anja

P.S. Gerne stehe ich Euch per Telefon oder E-mail beratend zur Seite. Die Kosten für diese Beratungsleistung könnt Ihr hier herunterladen.

2 Kommentare zu „Das „Prinzip des Guten Grundes“ – Grundhaltung für eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft

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