Gelebte Erziehungs- und Bildungspartnerschaft im Ausnahmezustand – Einführende Gedanken

Als Referentin in der Weiterbildung beschäftige ich mich schon seit vielen Jahren mit der Bedeutsamkeit einer guten Zusammenarbeit von pädagogischen Fachkräfte in KiTa bzw. Kindertagespflege und Eltern. In meinem Seminar „Achtung! Vor Eltern“ geht es schwerpunktmäßig darum, eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zum Wohle des Kindes aufzubauen und dabei eine gesunde Balance zwischen professioneller Nähe und Abgrenzung zu finden.

Ohne Eltern geht es nicht“

Ihr als pädagogische Fachkräfte wisst, wie wichtig diese gute und gleichzeitig professionelle Beziehung zu den Eltern ist, damit die Kinder sich bei Euch bestmöglichst wohlfühlen und entwickeln können. Gleichzeitig wisst Ihr aber auch, wie mühselig sich manchmal dieser Beziehungsaufbau im Einzelnen gestalten kann. Seit gut 2 ½ Jahren arbeite ich einmal im Monat als Elternberaterin in einem Familienzentrum einer Kita der Stadt Bielefeld. In den vergangenen Jahren bin ich hier vielen Eltern mit ihren individuellen Sorgen und Nöten begegnet und durfte viel über das „Prinzip des Guten Grundes“ lernen (dieses Prinzip werde ich in einem späteren Beitrag ausführlicher erläutern). Ganz besonders deutlich ist mir dabei geworden, dass die allermeisten Eltern alles dafür tun, um gute Eltern zu sein. Sie handeln auf der Basis ihrer ganz persönlichen Geschichten, Kompetenzen und Ressourcen. Für Euch als pädagogische Fachkräfte erscheint das Handeln einzelner Eltern zwar nicht immer ganz nachvollziehbar, trotzdem stellt Ihr Euch tagtäglich der großen Aufgabe, auf die Eltern zuzugehen und eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft aufzubauen. Mit Blick auf die zurückliegenden Monate dürfte Euch dies bis zum jetzigen Zeitpunkt mit den allermeisten Eltern bereits gelungen sein.

Plötzlich ist nichts mehr, wie es war“

KiTas und Schulen wurden flächendeckend geschlossen und die Betreuung musste umgehend ohne Vorbereitung oder Verabschiedung eingestellt werden. Dadurch waren die Familien auf sich selbst zurückgeworfen. Als Elternberaterin mache ich mir gerade viele Gedanken darüber, wie es den Familien in dieser Situation geht. Im Alltag hat sich der Tagesablauf vieler Familien massiv verändert. Eltern betreuen ihre Kinder zu Hause und versuchen dabei oftmals Haushalt und Beruf unter einen Hut zu bringen. Bei Kindern in unterschiedlichen Altersstufen sind die verschiedensten Interessen und Bedürfnisse zu berücksichtigen. Die bisherigen Routinen besitzen keine Gültigkeit mehr. Viele von Euch sind gerade selbst in dieser Situation. Ihr erlebt dann hautnah, was es heißt, den eigenen Kindern die sozialen Kontakte mit Gleichaltrigen außerhalb der Familie oder den Besuch des Kindergartens bzw. der Kindertagespflege verweigern zu müssen.
Die bislang auf wenige Stunden begrenzte Familienzeit ist nun ein Vollzeitjob auf mehr oder weniger beengtem Raum. Und da wo Großeltern bislang unterstützt und entlastet haben, fällt dies zum Schutz der Großeltern weg. In vielen Familien kommen erschwerend existenzielle Sorgen und Nöte dazu, da niemand weiß, wo diese Situation wirtschaftlich und gesamtgesellschaftlich enden wird. Das zerrt an den Nerven und an den Beziehungen. Es braucht neue Strukturen, Aktivitäten und Rituale. Da ist zum einen viel Kreativität, Improvisation, Ideenreichtum und Flexibilität gefragt. Andererseits braucht es aber auch Barmherzigkeit und eine gewisse Fehlerfreundlichkeit mit sich selbst.

Jede Familie ist anders“

Als pädagogische Fachkräfte wisst Ihr um die unterschiedlichsten Ressourcen und Kompetenzen Eurer Eltern, mit solchen Herausforderungen umzugehen. In Eurem bisherigen pädagogischen Alltag habt Ihr Eure Eltern einfühlsam und situationsorientiert bestärkt, unterstützt und begleitet, um die Bildung, Betreuung und Erziehung des einzelnen Kindes zu gewährleisten. Dabei habt Ihr versucht die vorhandenen individuellen Ressourcen und Kompetenzen der Eltern einzubeziehen. Parallel gehört es aber auch zu Eurem Auftrag, das Kindeswohls im Auge zu behalten und notfalls einzugreifen.

Zur Erziehung eines Kindes brauchen wir ein ganzes Dorf“

Die Bestärkung, Unterstützung und Begleitung der Eltern kann und darf in diesen Zeiten nicht komplett abbrechen. Gerade jetzt brauchen die Familien das Gefühl, mit Ihren Fragen, Sorgen und Verunsicherungen nicht alleine zu sein. Lasst uns gemäß des afrikanischen Sprichworts weiterhin ein Teil des erziehenden Dorfes sein und gemeinsam überlegen, wie wir mit Familien, auch in den Zeiten von Quarantäne und Kontaktsperre, im Kontakt bleiben können.

Im nächsten Beitrag möchte ich hierzu ein paar meiner Ideen und Gedanken mit Euch teilen, wie diese Erziehungs- und Bildungspartnerschaft jetzt gepflegt werden kann. Ich bin überzeugt, dass sich dieser Einsatz zukünftig auf die Zusammenarbeit mit den Familien auswirkt und zur positiven Entwicklung der Kinder beiträgt.

Bis morgen! Passt gut auf Euch auf und bleibt gesund
Eure Anja

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